Aktuelles21.05.2017

Bearbeitung Mauerwerkskatierung (Screenshot: Angela Schiffer)

Stein für Stein digital dokumentiert

Warum eine sinnvoll aufgebaute Digitalisierung des bautechnisch relevanten Materials für den Aachener Dom und seinen Fortbestand unerlässlich ist, dass der Karlsverein als kontinuierliches Projekt einen Teil der Stelle von Angela Schiffer in der Dombauhütte finanziert, war in Teil 1 und Teil 2 dieser Trilogie „Dom fit für die Zukunft“ zu lesen. Eine Frage jedoch ist noch offen: Was genau ist denn nun Fotogrammetrie? Und darauf aufbauend: Warum ist so wichtig, dass diese auch in digitaler Form nicht nur abgebildet, sondern bearbeitbar ist?
Ein Blick über die Schulter von Angela Schiffer zeigt zunächst eine grafische Darstellung von irgendeiner Wand. Bei genauem Hinsehen ist ein abgegrenzter Bereich der Außenfassade des Aachener Domes zu erkennen. Und zwar so genau und detailliert, dass jeder einzelne Stein auszumachen ist – bis auf Risse im Gestein. „Hier“, zeigt sie auf die Legende links, „das ist eine Art Farbcode. Wir haben ausnahmslos jeder Gesteinsart, die im Dom innen und außen verbaut ist, eine Farbe zugeordnet. Dabei haben wir versucht, so nah an der tatsächlich fürs Auge prägenden Farbe zu bleiben, die das Gestein tatsächlich hat, also zum Beispiel ein Gelb für Sandstein usw.“ Die grafische Darstellung, die wie eine filigrane Zeichnung wirkt, ist die eigentliche Fotogrammetrie. „Wir haben das vor nicht allzu langer Zeit als Bestandsaufnahme anfertigen lassen, das hat eine Genauigkeit von einem Zentimeter pro zehn Meter“, erklärt Dombaumeister Helmut Maintz ergänzend. Diese Bestandsaufnahme zeigt den Ist-Zustand jedes einzelnen Steins, der Figuren, der Säulen. Zwei Hauptargumente bezeugen die Relevanz: Zum einen lässt sich anhand dieser Aufzeichnungen genau nachvollziehen, wo Schäden – etwa verzeichnete Risse oder Lücken – sich befinden, um diese nicht aus den Augen zu verlieren. Zum anderen ist nachvollziehbar, ob und wie schnell solche Schäden fortschreiten, sodass Handlungsbedarf besteht. Und zwar gewissermaßen vorwärts und rückwärts in der Zeit.
„Natürlich haben wir ähnliche grafische Dokumente auch schon aus der Vergangenheit vorliegen“, sagt Schiffer. „Nicht zwangsweise alle mit der Genauigkeit der aktuellen, und ganz sicher nicht so übersichtlich.“ Sie breitet eine ältere Zeichnung aus, zeigt auf winzige Striche und Punkte, die schnell zu übersehen sind: „Hier, zu diesen Symbolen gibt es eine Legende, die bezeichnen ebenfalls verschiedene Steinarten. Auch das liegt uns schon digital vor. Aber es ist eine Sisyphos-Arbeit und erfordert enorme Konzentration, wenn ich alte und aktuelle Dokumente abgleiche.“ Zunächst muss sie manuell die digitale Blaupause so lange vergrößern und verkleinern und hin- und herschieben, bis sie einigermaßen über den entsprechenden Abschnitt der aktuellen fotogrammetrischen Darstellung passt. Dann kann sie die Steine entsprechend den winzigkleinen Symbolen einfärben. Was entsteht, ist eine Damals-Heute-Aufnahme: „Wir sehen dann genau, ob an dieser Stelle zum Beispiel schon mal ein Stein komplett ausgetauscht wurde, eine andere Gesteinsart verwendet wurde, Mängel und Beschädigungen sich verschlechtert haben oder neu aufgetreten sind.“ Das ist die rückwärtsgerichtete Betrachtung. Vorwärtsdenkend könnte man zum Beispiel Schäden, die bedenklich sind und die man im Auge behalten muss, markieren und könnte nach einem halben oder einem Jahr genau sehen, ob ein Riss oder Loch sich vergrößert hat – und um wie viele Zentimeter.
„Solche fotogrammatischen Darstellungen erlauben, sind sie einmal erfasst und eingepflegt, ganz besonders später, wenn Monarch endlich fertig gefüttert ist und läuft, eine feinmaschige Kontrolle des baulichen Zustands des Aachener Domes, ohne dass wir lange überlegen oder suchen müssen“, fasst Angela Schiffer zusammen. „Wenn wir einen Bereich abgehen und uns fällt dabei etwas auf, öffnen wir dann das System, rufen uns die Unterlagen zu dem Bereich aus, die ja – ich erläuterte bereits warum – grafisch dargestellt sind, klicken auf den entsprechenden Abschnitt, wo die Auffälligkeit ist und sehen sofort: Aha, da ist schon mal ein Stein ausgetauscht worden, aber trotzdem hat sich ein Riss gebildet und innerhalb von zwei Jahren stark vergrößert, also stimmt da etwas nicht, und wir müssen das in Angriff nehmen. Wir haben dann alle Daten zu dem Bereich griffbereit: Was war da früher? Wann ist daran gearbeitet worden? Wer hat daran gearbeitet? Welche Materialien sind verwendet worden? Wie viel hat das gekostet? Was hat sich seitdem verändert? Das wird in Zukunft unsere Arbeit erleichertern und eine Menge Zeit sparen.“ Zeit, die Angela Schiffer aber erst einmal investieren muss. Denn Monarch entsteht erst, und die Fotogrammetrien sind ein Kernpunkt. Weil Stein für Stein genau aufgezeichnet, verglichen, dokumentiert wird, ist diese Art der Digitalisierung ein bisschen mit dem Bau des Domes selbst vergleichbar: Sorgfalt ist angezeigt, und gut Ding will eben Weile haben. „Wir sind glücklich und dankbar, dass der Karlsverein erkannt hat, von welche essenzieller Wichtigkeit diese Arbeit ist und dass er die Dombauhütte dabei unterstützt, sie Stein für Stein zu tun – auch wenn noch ein ganzer Haufen vor uns liegt“, unterstreicht Helmut Maintz. Obschon diese Tätigkeit erst auf den zweiten Blick etwas mit dem Erhalt des Aachener Domes zu tun hat, trägt sie doch immens dazu bei, das UNESCU-Welterbe zukunftsfit zu machen.

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