Aktuelles13.05.2017

Warum braucht der Dom Digitalisierung?

Eine grafische Datenbank: Klingt erst einmal recht simpel. Da sind also irgendwelche Darstellungen, und die sind elektronisch verfügbar, sodass sie sich per Klick aufrufen lassen. So weit, so gut. Oder so utopisch. Denn: „Ganz so einfach ist das nicht“, weiß Angela Schiffer. Und sie muss es wissen, denn ein Teil ihrer Aufgabe (exakt 23% ihrer Arbeitsstelle, um genau zu sein, mitfinanziert vom Karlsverein) ist es, baurelevantes Material rund um den Dom zu digitalisieren, wie hier bereits zu lesen war.
Aber langsam: Was ist baurelevantes Material? „Es existieren mehr als 6000 Zeichnungen, Bilder im fünfstelligen Bereich, zudem ungezählte Dokumente, Notizen, Rechnungen, ein seit 1987 täglich geführtes Bautagebuch“, fasst Dombaumeister Helmut Maintz zusammen. „Und alles kann von Belang sein.“ Ein fiktives Beispiel: Stellen er und seine rechte Hand Angela Schiffer bei einem Kontrollgang fest, dass einer Figur ein steinerner Finger fehlt, helfen genau solche Aufzeichnungen und Unterlagen dabei, Zeitpunkt und Prozess des Schadens festzustellen. Wenn das Fehlen des Fingers schon vorher festgehalten wurde, kann es kein neuer Schaden sein. Sollte es Aufzeichnungen dazu geben, ob und wie bereits in der Vergangenheit der Finger rekonstruiert wurde, wäre aber möglich, dass der Schaden wiederholt aufgetreten ist und darauf hindeutet, dass die vormals gefundene Lösung nicht optimal war, weil sie nicht von Bestand war. Dann gilt es, herauszufinden, welche Materialien und Methoden damals verwendet wurden, um diese zu vermeiden und nach Alternativen zu suchen. „In etwa so gehen wir vor, wenn wir einen Schaden feststellen, dokumentieren und dessen Verlauf nachvollziehen wollen“, erklärt Angela Schiffer.
Bisher hat das allerdings viel Zeit in Anspruch genommen und Energie gekostet, denn alle möglichen Arten von Unterlagen, die getrennt voneinander in verschiedenen Ablagesystemen archiviert sind – Rechnungen in Ordnern, Zeichnungen in Mappen, Bilder in Alben usw. -, mussten einzeln durchgesehen werden. „Genau das soll sich künftig durch Monarch ändern“, sagt Angela Schiffer. „Das System bietet eine grafische Datenbank, in der alle erdenklichen Querverknüpfungen möglich sind.“ Konkret heißt das, dass – wenn Monarch (Screenshot oben) fertig mit allen Details und Daten gefüttert ist – der Benutzer zum Beispiel auf einem Grundriss des Domes einen Bereich auswählen kann, etwa einen Pfeiler, dort dann die beschädigte Stelle ansteuern und per Klick alle dazu zur Verfügung stehenden Dokumente aufrufen: Sind in der Vergangenheit dort schon Reparaturen durchgeführt worden? Wenn ja: Wann und von wem – und was hat er dafür benutzt? Wenn es sich an der Stelle nicht um Original-Bausubstanz handelt, wann und warum musste dort etwas erneuert werden? Solche Fragen beantwortet Monarch dann quasi aus einer Hand, ohne dass auf andere Systeme oder gar analoge Ablagen zugegriffen werden muss. Die beiden größten von zahlreichen Vorteilen liegen auf der Hand: Informationen gehen nicht mehr verloren, sondern sind auf einen Blick vollständig erfassbar, und die Zeitersparnis ist enorm, sodass die dadurch gewonnene Arbeitszeit in tatsächliche Maßnahmen investiert werden kann. Selbstverständlich schreiten dann Maßnahmen deutlich schneller voran, weil die notwendige Vorarbeit und Dokumentation nur noch einen Bruchteil von dem dauert, was heute der Fall ist.
„Allerdings“, schränkt Angela Schiffer ein, „ist die Vorarbeit, damit Monarch irgendwann genau so funktioniert, ebenfalls enorm.“ Am Anfang steht die Datenstruktur, gewissermaßen das Skelett des Systems, das später alle Informationen trägt. „Allein die zu erarbeiten und den Dom selbst sinnvoll zu unterteilen, ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die lange dauert.“ Ausgedruckt in normaler Schriftgröße ist allein der Strukturbaum schon gut 35 (!) Din-A4-Seiten lang. „Er muss detailliert genug sein, dass wir später in der Lage sind, wirklich gezielt einen Bereich anzusteuern, ohne dass wir uns dann doch wieder erst durch Seitenweise irrelevantes Material aus benachbarten Bereichen wühlen müssen. Andererseits dürfen die Details nicht so kleinteilig sein, dass das die Orientierung schwer macht oder wir die Übersicht verlieren. Beides wäre kontraproduktiv“, erläutert Helmut Maintz.
Und diese Struktur ist ja nur das Fundament. „Es war schwer genug, diese Struktur zu erarbeiten, zumal diese ja zu den Möglichkeiten des Systems passen muss. Jetzt heißt es aber, all die vielen Dokumente, die in elektronischer Form bereits vorliegen, so einzupflegen und zu verknüpfen, dass alles dort abrufbar ist, wo es hingehört“, schaut Angela Schiffer in die Zukunft. In der Gegenwart macht die Dokumente verschiedener Art, vor allem aber Bauzeichnungen und Fotogrammetrien fit für Monarch. „Es reicht nicht, diese einfach einzuscannen. Digitalisierung, die für uns und unsere Nachfolger in der Dombauhütte nutzbar ist, geht über reine Abbildung hinaus. Sie müssen editierbar sein, übereinandergelegt werden können, um Entwicklungen nachzuvollziehen – auch über Grenzen hinweg, die verschiedene Winkel und Maßstäbe setzen“, sagt sie. Dabei helfen CAD-Programme. Wie die funktionieren und warum sie für die Dombauhütte unverzichtbar sind, lesen Interessierte hier nächstes Wochenende in Teil 3 der dreiteiligen Serie dazu, wie der Dom fit für die Zukunft gemacht wird. Dass die Vorarbeit, das Ordnen, Zuordnen, Bearbeiten der viel größere Teil des sprichwörtlichen Eisbergs ist, nämlich der Teil, der unter der Wasseroberfläche schwimmt und damit für das Auge zunächst unsichtbar ist, sollte bereits jetzt klar sein. Deswegen dauert diese Vorarbeit länger als später das Einpflegen. „Je mehr Struktur da ist, je klarer ist, was wo hingehört und womit verknüft wird, desto schneller wird unsere Digitalisierung dann voranschreiten. Aber dort müssen wir erst einmal hinkommen“, fasst Helmut Maintz zusammen.

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