Die aktuelle Sanierung der Annakapelle knüpft an eine lange Geschichte der Restaurierung an. Bereits in den 1860er-Jahren stand die gotische Kapelle im Mittelpunkt umfangreicher Arbeiten, die der Karlsverein unterstützte. Damals ging es nicht nur darum, Schäden zu beheben. Die mittelalterliche Gestalt der Kapelle sollte möglichst weitgehend zurückgewonnen werden. Ein Blick auf die Restaurierungsgeschichte zeigt, wie sehr sich das Verständnis vom Umgang mit historischen Bauwerken seither verändert hat.
Die Annakapelle gehört zu den gotischen Kapellen an der Südseite des Aachener Doms. Sie schließt unmittelbar an die Matthiaskapelle an und bildet mit ihr eine architektonische Einheit. Anders als bei einer gewöhnlichen Kapelle liegt der eigentliche Sakralraum der Annakapelle im Obergeschoss. Das darunterliegende Geschoss war ursprünglich als offene Laube ausgebildet. Arkaden öffneten den Raum zum Münsterplatz und schufen zugleich einen Zugang zum Dom.
Von dieser ursprünglichen Gestaltung war im 19. Jahrhundert allerdings kaum noch etwas zu erkennen. Bereits 1772 waren die Arkaden geschlossen worden. Der gewonnene Raum diente fortan als zweite Sakristei. Die mittelalterliche Laube war damit verschwunden.

Ansicht der Südseite des Doms von Johann Gabriel Friedrich_Poppel 1852 zeigt das im 18. Jahrhundert Untergeschoss der Annakapelle.
Unmittelbar nach der Gründung des Karlsvereins in der Mitte des 19. Jahrhunderts konzentrierten sich die Restaurierungsarbeiten vor allem auf die gotischen Bauteile des Domes. An der Chorhalle begann die Erneuerung der Verglasung, fehlende Bauzier wurde ergänzt und Gottfried Götting schuf einen neuen Figurenzyklus.
Nach und nach rückten auch die angrenzenden Kapellen in den Mittelpunkt. In den 1860er-Jahren begann die Restaurierung der Annakapelle. Dabei wurden die gotischen Architekturglieder umfassend überarbeitet. Die Konsolen, Baldachine und die dazugehörigen Skulpturen mussten erneuert werden; auch die Wandflächen wurden neu bearbeitet. Zu den damals neu geschaffenen Elementen gehört die Figurengruppe der „Anna Selbdritt“ von Gottfried Götting, die heute die Fassade der Kapelle prägt. Auch der Baldachin über der Figur entstand im Zuge dieser Restaurierung.
Rekonstruieren statt Konservieren
Das Vorgehen an der Annakapelle entspricht dem Restaurierungsverständnis des 19. Jahrhunderts. Historische Bauwerke sollten nicht allein vor weiterem Verfall geschützt werden. Vielmehr galt es, ihre ursprüngliche Gestalt möglichst wiederherzustellen. So wurden fehlende Bauteile ergänzt, verlorene Elemente neu geschaffen und spätere Veränderungen teilweise wieder zurückgenommen. Die Restaurierung verstand sich damit in hohem Maß als Rekonstruktion eines historischen Zustands.
Auch die mittelalterliche Laube der Annakapelle sollte auf diese Weise zurückkehren. 1865 wurden die seit dem 18. Jahrhundert geschlossenen Arkaden wieder geöffnet. Damit entstand die ursprüngliche Verbindung zwischen Münsterplatz und Dom zumindest vorübergehend wieder. Für die Restaurierung war dies ein konsequenter Schritt: Ein Teil der mittelalterlichen Architektur, der seit fast einem Jahrhundert verschwunden war, wurde wieder sichtbar.




Bogen auf, Bogen zu: Ursprünglicher Zustand aus der Erbauungszeit, in der Barockzeit verschlossene Bögen, Öffnung der Bögen im 19. Jahrhundert und anschließend verschlossene Bögen bis in die Jetztzeit (Abbildungen und Fotos © Fotoarchiv Aachener Dom)
Doch die Wiederöffnung hatte nicht lange Bestand. Ein Grund dafür lag in der Nutzung des Raumes: Die Sakristei benötigte die Fläche weiterhin. Zugleich zeigte sich, dass der neu zugängliche Bereich nicht in der Weise genutzt wurde, wie es sich die Verantwortlichen vorgestellt hatten. Die offene Laube entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einem wenig gepflegten und wenig ansehnlichen Bereich unmittelbar am Dom. Die geschützten Nischen und dunkleren Bereiche boten offenbar auch Gelegenheit für eine Nutzung, die mit dem Anspruch des Ortes nur schwer vereinbar war.
Damit endete der Versuch, die mittelalterliche Laube dauerhaft wiederherzustellen. Die Arkaden wurden schon im Oktober 1865 erneut geschlossen.
Die Episode macht deutlich, dass eine Restaurierung nicht allein über die historische Gestalt eines Bauwerks entscheidet. Auch seine Nutzung und sein Umfeld müssen berücksichtigt werden. Die Wiederherstellung eines früheren Zustands kann unter veränderten Bedingungen zu neuen Problemen führen.
Zahlreiche Restaurierungen hinterlassen ihre Spuren
Die Arbeiten des 19. Jahrhunderts waren nicht die letzte Restaurierung der Annakapelle. Wie nahezu alle Teile des Aachener Doms musste auch sie immer wieder instand gesetzt werden.
1913 erfolgten Arbeiten am Dachstuhl, 1934 am Mauerwerk. Eine umfangreichere Sanierung folgte in den Jahren 1967 bis 1969. Dabei wurden unter anderem schadhafte Steine ausgetauscht und die Wasserschrägen des Hauptgesimses mit einer Bleiverwahrung versehen.
Von 2001 bis 2006 wurde die Annakapelle erneut umfassend saniert. Dachstuhl und Schiefereindeckung wurden ebenso bearbeitet wie die Naturwerksteine an Brüstungen, Fialen, Baldachinen und Mauerkronen. Auch die Kalksteinfiguren und die Mauerfugen wurden in die Arbeiten einbezogen.
Jede dieser Restaurierungskampagnen hat ihre Spuren am Bauwerk hinterlassen. Die Annakapelle ist deshalb heute nicht nur ein Zeugnis der spätmittelalterlichen Architektur. Sie erzählt zugleich ihre eigene Restaurierungsgeschichte.



Bauschäden an Anna- und Matthiaskapelle, die bei der letzten Sanierungskampagne behoben wurden (©Fotos: Lydia Konnegen)
Neue Schäden, neue Aufgaben
Die aktuelle Sanierung macht sichtbar, wie anspruchsvoll der Erhalt dieses historischen Bauwerks ist. Ursprünglich standen vor allem die Fialriesen – die reich verzierten Ziertürmchen an den Gebäudeecken – im Mittelpunkt. Bei den Untersuchungen zeigte sich jedoch ein wesentlich größerer Sanierungsbedarf.
An den Fialen wurden weitreichende Risse festgestellt. Auch im Mauerwerk haben sich Steine verschoben, Fugen sind stark verwittert und zahlreiche Zierelemente wie Krabben und Figurendetails sind beschädigt. Selbst an der Figur der „Anna Selbdritt“ zeigen sich Schäden. Der Baldachin aus Udelfanger Sandstein weist starke Salzschäden und Abplatzungen auf.
Bei den Fialen ist eine Restaurierung der vorhandenen Werkstücke teilweise nicht mehr möglich. Die geschädigten Elemente müssen durch originalgetreue Neuanfertigungen ersetzt werden. Dafür kommen traditionelle handwerkliche Techniken zum Einsatz. Die neuen Werkstücke sollen sich später in die historische Bausubstanz einfügen.
Heute steht die historische Bausubstanz im Mittelpunkt
Damit unterscheidet sich die heutige Restaurierung deutlich von den Arbeiten des 19. Jahrhunderts. Damals stand die Rückkehr zu einer möglichst ursprünglichen Gestalt im Vordergrund. Heute geht es vor allem darum, die überlieferte Substanz so weit wie möglich zu erhalten.
Das bedeutet nicht, dass neue Werkstücke grundsätzlich ausgeschlossen sind. Wenn ein Bauteil seine Funktion nicht mehr erfüllen kann und sich dauerhaft nicht erhalten lässt, kann eine originalgetreue Neuanfertigung notwendig werden. Entscheidend ist dabei, möglichst viel historische Substanz zu sichern und Veränderungen nachvollziehbar zu machen.
Die Geschichte der Annakapelle zeigt damit exemplarisch, wie sich die Denkmalpflege verändert hat. Der Karlsverein war bereits im 19. Jahrhundert an der Restaurierung der gotischen Kapellen beteiligt. Heute unterstützt er erneut die Arbeiten an der Annakapelle und damit den Erhalt eines Bauwerks, dessen Geschichte weit über seine mittelalterliche Entstehungszeit hinausreicht.
Die Restaurierung der Annakapelle ist deshalb nicht nur eine aktuelle Sanierungsmaßnahme. Sie setzt eine Geschichte fort, die vor mehr als 160 Jahren begonnen hat. Was damals als Wiederherstellung eines verlorenen mittelalterlichen Zustands verstanden wurde, bedeutet heute vor allem: die historische Substanz sichern, Schäden behutsam beheben und die Annakapelle für kommende Generationen erhalten.
