Musik, Meditation und ein außergewöhnliches Ensemble prägen das Traditionskonzert „sub corona“ zum Adventsbeginn.

Von Sabine Rother

Festliche Stimmung im Aachener Dom. Die Stuhlreihen sind eng aufgestellt, die Plätze so nah beieinander, dass man den Nachbarn auf jeden Fall einen „Guten Abend“ wünscht. „Musik zur Nacht – sub corona“, das bewegende Traditionskonzert unter dem Barbarossaleuchter, mit dem der Karlsverein-Dombauverein seit Jahren einen wichtigen Akzent zum ersten Advent setzt, erklingt auch diesmal genau an jener Stelle, die im mittelalterlichen Bauwerk besondere Ausstrahlung hat – unter Leuchter und Kuppel des Oktogons.

Mit über 500 Gästen ist das Limit erreicht, wie Hubert Herpers, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Aachen und nun rühriger Vorsitzender des Vereins, mit Stolz zur Begrüßung betont. Und nicht nur das – es war ein erfolgreiches Jahr für den 1847 zur Domrettung (es war damals knapp!) gegründeten Bürgervereins, der bis heute wichtige Hilfe leistet. „Mit 110 neuen Mitgliedern haben wir den Tiefpunkt, den nicht zuletzt die Corona-Pandemie verursacht hat, erfolgreich überwunden und die Zahlen sogar gesteigert“, freut sich Herpers.

Seine Ankündigung: „Mit Nina Redding und ihrem Ensemble Ludimus, einem Streicher-Kollektiv, werden wir einen besonderen Abend erleben“, wird schnell bestätigt. In einer glücklichen Verbindung von großen Werken der Musikliteratur und philosophischen sowie auf die Tagespolitik bezogenen Meditationen durch den Gastgeber Dompropst Rolf-Peter Cremer entwickelt sich der Zauber „sub corona“, was die Gäste bei Brot und Wein einander später immer wieder bestätigen.

Sobald Violin-Virtuosin Nina Redding – im schwarzen Abendkleid mit blauem Glitzer funkelnd – ihr Instrument ansetzt, entwickelt sich ein intensives musikalisches Gespräch zwischen ihr, den beiden weiteren Violinistinnen Anna Faber und Caroline Frey, Ainis Kasperavicius (Viola), Mathieu Jocqué (Cello) und Amilie Allié, die ihren imposanten Bass mit jener Spielfreude einsetzt, die das gesamte Kollektiv vermittelt.

Domkapellmeister Felix Heitmann, der in erster Reihe zusammen mit seinem Vorgänger Bertholt Botzet konzentriert lauscht, hat bei der Planung des anspruchsvollen wie abwechslungsreichen Programms eine gute Hand bewiesen. Das Publikum, das auf einen mächtigen Adventskranz mit honiggelben Kerzen und auf die Blumendekoration mit leuchtend roten Beeren blickt, ist dem Ensemble so nah, dass man den gemeinsamen Atem der Spielenden spürt und hört. Den Auftakt prägt Johann Sebastian Bachs glanzvolles und facettenreiches Violinkonzert a-Moll BWV 1041.

Mit dem Untertitel „musica aeterna“ („ewige Musik“) erhält die Veranstaltung zudem einen spirituellen Leitgedanken, wie Cremer gleich in der ersten Meditation beweist. „Was ist geblieben von diesem Jahr?“, greift der Dompropst all das Ermutigende auf, was im Heiligen Jahr 2025 die so unterschiedlichen „Pilger der Hoffnung“ erfahren haben. Resignation sei trotz vermehrter Brandherde, Krisen und massiver Gründe zur Besorgnis nicht dabei, wie Cremer versichert. „Wir haben noch Hoffnung in der Welt, der Kirche, der Gesellschaft.“ Hoffnung habe mit Optimismus zu tun, nicht unbedingt mit Erwartung. Oft müsse man seine Position verändern, um eine neue Sichtweise zu entdecken. Mit der deutschen Lyrikerin Rose Ausländer (1901–1988), geboren in der Ukraine, zitiert er kostbare Worte wie: „Wer kann atmen ohne Hoffnung?“, „Wer hofft ist jung“ und nicht zuletzt „Ein liebes Wort wirkt gegen die Angst“.

Da ist es für Nina Redding und alle, die dort im schönen Kreis des Mosaikbodens stehen, nicht schwer, mit dem lebhaften Allegro des Violinkonzerts, das so viel Süße und Wärme bietet, der Tiefe im Andante und dem jubelnden Allegro ein feinsinniges Stimmungsgeflecht in die Kuppel aufsteigen zu lassen. Auf Cremers erste Meditation „antwortet“ nochmals Bach – zwei Sätze aus der Partita d-Moll BWV 1004, ernst in der „Sarabande“, hoffnungsfroh in der „Gigue“.

Bei Wolfgang Amadeus Mozarts Adagio E-Dur KV 261 werden Erinnerungen und Gefühle wach, so mancher kennt das schöne, tröstliche Musikstück, und Nina Redding erweist sich immer wieder als leidenschaftlich bewegte Solistin, lebt die melancholischen, an Opernarien erinnernden Elemente des Werkes bis zum allerletzten, fein gehauchten Ton aus. Jeder hat im Kollektiv seine Solomomente, alle sind sie aufmerksam auf die Mitspielerinnen und den Mitspieler konzentriert, halten Augen- und Atemkontakt. Die Freude in den Gesichtern der Ludimus-Mitglieder überträgt sich auf die Zuhörerinnen und Zuhörer.

Cremer schließt mit weiteren Überlegungen wiederum inhaltlich an diese „musica aeterna“ an und stellt fest: „Wer könnte atmen ohne Hoffnung?“ Schließlich lautet eines der bekanntesten lateinischen Sprichwörter: „Dum spiro spero“ –  „Solange ich atme, hoffe ich.“ Cremer stellt fest: „Hoffnung kann stärker sein als Angst, Verzweiflung und Müdigkeit. Wer hofft, ist auf die Zukunft ausgerichtet.“ Es gelte daher, bewusst über den Horizont des eigenen Lebens hinauszublicken, Visionen zu entwickeln.

„Jesus spannt den Bogen über den Tod zur Ewigkeit“, bringt er im Dom einen weiteren Gedanken in Verbindung mit drei „Inventionen“, konzentrierten Stücken, die Bach um 1720 als (nicht gerade einfache) polyphone, zweistimmige Übungsstücke für Sohn Wilhelm Friedemann komponiert hat – ursprünglich für Tasteninstrumente. In drei Kostproben gehen Nina Redding und Mathieu Jocqué, Violine und Cello, auf den Dialog der „musikalischen Einfälle“ („inventio“) ein – mit all ihren raffinierten Umkehrungen, Verkleinerungen und Ausschmücken der jeweiligen Kompositionsthemen, die mit meisterlicher Leichtigkeit von den beiden Ausführenden bewältigt werden.

 

Danach führt Ludimus mit John Dowlands (1563–1626) „Flow My Tears“ (1600), einem ursprünglichen Lautenlied, in die elisabethanische Zeit. Einen Text dazu über Verlust und Abschied hat der Komponist und Virtuose selbst verfasst. Es lohnt sich, ihn nachzulesen. Das Gedicht hat Eingang in den englischen Sprachschatz gefunden, und die kammermusikalische Umsetzung gelingt im Dom mit britisch-stolzem Ernst, dem Cremer nochmals Bemerkungen zu den „Pilgern der Hoffnung“ an die Seite stellt. Pilgern, das sei gehen, sich bewegen: „Wer hofft, der hüpft“, verkündet der Dompropst und berichtet von den inzwischen elf „Hoffnungsbüchern“, die Dombesucherinnen und -besucher bereits gefüllt haben. Cremer hatte sie in der Nikolauskapelle ausgelegt und musste immer wieder für Ersatz sorgen. Daraus nimmt er Worte wie „Wertschätzung“, „Treue“ und „Verlässlichkeit“, die ihn zur Forderung führen: „Wir brauchen Solidarität in der Hoffnung. Wir können nur mit Fantasie die kranke Welt neu gestalten.“

Danach Astor Piazzolla (1921–1992), „Oblivion“ („Vergessen“, 1982), ein langsamer Tango, der sich zum klassischen Konzertstück gewandelt hat. 1984 hat man das Werk übrigens im Film „Heinrich IV.“ des italienischen Regisseurs Marco Bellocchio eingesetzt. In der Urfassung erhebt sich über dem Klangteppich der Streicher das Solo des Bandoneons, liebstes Instrument des Argentiniers. Im Dom ist es erneut die Violine, die diese Aufgabe übernimmt. Piazzollas Musik legt einen dunklen Glanz über einen bewegenden und euphorisch gefeierten Abend unter dem Barbarossaleuchter, der mit der luftigen, „Regentropfen“ funkelnden Zugabe von Antonio Vivaldis „Winter“ und dem gemeinsam gesungenen Schlusslied „Macht hoch die Tür“ (Heitmann an der Orgel) die Pforte zur Adventszeit öffnet.

Alle Fotos: Andreas Steindl