Weihrauch verursacht zu viel Feinstaub, Inspiration über den Dächern von London, eine Krönung und der digitale Zwilling des Doms – der Karlsverein und Dombaumeister Dr. Jan Richarz blicken zurück auf ein ereignisreiches Jahr 2025.
Am 30. Januar 2026 begrüßte Hubert Herpers als Vereinsvorsitzender die Mitglieder des Karlsvereins im Forum der Sparkasse Aachen am Friedrich-Wilhelm-Platz, das bis auf den letzten Platz gefüllt war. Bereits zum dritten Mal fand die Veranstaltung in diesen Räumen der Sparkasse statt, wodurch nach den Worten des Vorsitzenden eine Tradition für die Zukunft entstanden ist.
Zum Sitzungsauftakt blickte Herpers in seinem Jahresbericht auf zwölf erfolgreiche Monate zurück. Erstmals seit längerer Zeit verzeichnet der Karlsverein einen Anstieg der Mitgliederzahl, so dass der Verein zum Ende des vergangen Jahres 2.890 Mitglieder zählte und somit weiterhin der drittgrößte Bürgerverein der Stadt ist. Eine Grundlage für die zahlreichen Vereinsbeitritte sah Herpers im abwechslungsreichen Veranstaltungsprogramm, ausgehend von den beliebten Dachführungen und den Themenrundgängen „Dom im Detail“ sowie der jährlichen Konzertveranstaltung „Sub Corona“ am Vorabend des ersten Advents. Erstmals stand 2025 das neue Veranstaltungsformat „DomGespräche“ auf dem Programm, eine Gesprächsrunde mit Domexperten, die sich in der Auftaktrunde dem Thema: „Der Dom als UNESCO Weltkulturerbe – Anspruch, Auftrag, Alltag“ widmete.



Grußworte, Jahresrückblicke und Vereinsberichte von Hubert Herpers (Vereinsvorsitzender), Dompropst Rolf-Peter Cremer und Sparkassenvorstandsvorsitzender Norbert Laufs (© Fotos Andreas Schmitter)
Weichen für die Zukunft gestellt: Verjüngung des Vereins steht im Fokus
Nach Billigung des Jahres- und des Rechnungsberichts, der Entlastung des Vorstands und der Neuwahl der Rechnungsprüfer folgte die Vorstellung einer Satzungsänderung, durch die ein klarer Schwerpunkt auf die Verjüngung des Karlsvereins gesetzt wird. Herpers formulierte das klare Ziel, jüngere Menschen stärker anzusprechen und für den Erhalt des Aachener Doms zu begeistern – nicht nur als Förderer, sondern auch als aktive Mitgestalter.
Ein sichtbares Zeichen dafür ist eine Satzungsänderung, die von den Mitgliedern mit großer Mehrheit beschlossen wurde. Künftig scheidet ein Vorstandsmitglied mit der auf den 75. Geburtstag folgenden Jahreshauptversammlung automatisch aus dem Vorstand aus. Die Regelung wurde breit getragen und soll den Generationswechsel im Vorstand und im Verein langfristig sichern.
Domkapitel setzt auf gesellschaftliche Öffnung
Dompropst Rolf-Peter Cremer, Ehrenvorsitzender des Karlsvereins, berichtete über die gezielte neue Ansprache gesellschaftlicher Gruppen neben den Gläubigen und Touristen. Ein erster Schritt war die Kooperation mit dem Theater Aachen, das zu seinem 150-jährigen Jubiläum die Oper ‚Ernani‘ von Giuseppe Verdi in die Spielzeit aufnahm. Der dritte Akt spielt in der Krypta der Kirche Karls des Großen in Aachen und umfasst die Krönung Karls V. Was lag also näher, als diesen dritten Akt im Dom zur Aufführung zu bringen. Weitere Angebote in diese Richtung waren die Messe zum 125-jährigen Bestehen der Alemannia Aachen sowie das offene Domsingen. Beide Veranstaltungen sind sehr gut angenommen worden.
Besonders eindrücklich schilderte Cremer die Erfahrungen mit der Beteiligung des Doms am Heiligen Jahr 2025. Im Rahmen der Aktion „Pilger der Hoffnung“ lag seit Jahresbeginn ein Besucherbuch im Dom aus, das für diesen Zweck aufwendig gestaltet war. Doch dieses erste Exemplar war bereits Ende Januar gefüllt, so dass statt eines einzigen Buches über das ganze Jahr insgesamt neun Bücher ausgelegt werden, da das Bedürfnis der Menschen, ihre Gedanken und Hoffnungen zu teilen, überraschend groß war.
Bericht des Dombaumeisters: Dom zwischen Feinstaub, Feuchtigkeit und Digitalisierung
Den inhaltlichen Schwerpunkt des Abends bildete der Bericht von Dombaumeister Dr. Jan Richarz, der die Arbeit der Dombauhütte im Spannungsfeld von Nutzung, Forschung und Sanierung schilderte. Der Dom sei ein Bauwerk im Dauerbetrieb – Gotteshaus, Veranstaltungsort und Denkmal zugleich.
Zu den außergewöhnlichen Ereignissen des Jahres 2025 zählte die erste Krönung im Aachener Dom, seit 493 Jahren. Denn die kulturelle Nutzung des Kirchenraums im Rahmen der Aufführung des dritten Akts der Oper „Ernani“ stellte hohe Anforderungen an Planung und Sicherheit. Eine besondere Herausforderung stellte sich bei der Umsetzung des Kanonendonners, der die Krönung begleiten sollte. Nach eingehender Recherche und Studienarbeit zum Thema Schallwellen war klar: Die Kanonensalve aus der „Blötsch“ der Öcher Penn kann nur mit Knallpatronen umgesetzt werden, und es wird auch nicht in Richtung Dom gefeuert, sondern den Domhof entlang in Richtung Rennbahn.

Die Dombaumeistertagung: Eine Dienstreise mit Folgen
Dass Reisen bildet, ist eine gesetzte Weisheit. Ein gutes Beispiel hierfür war die jährliche Tagung der internationalen Dombaumeistervereinigung, die die Denkmalverantwortlichen 2025 nach London führte. Und wenn die Experten dann auf den Bleidächern der Kathedralen der britischen Hauptstadt stehen, die die gleichen Schäden zeigen wie das Heimische in Aachen, dann ist sofort Gesprächsbedarf geweckt. Auf diesem Wege ergaben sich gleich Lösungsansätze, die bei der Sanierung der gotischen Regenrinne an der Chorhalle zur Anwendung kommen. Eine zweite Inspiration brachten die vielen digitalen Spendensäulen in den Londoner Kirchen, sodass jetzt auch im Aachener Dom das internationale bargeldlose Publikum Spenden für die Erhaltung des Aachener Domes digital übermitteln kann.
Ein weiteres Thema, das zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist das Raumklima im Dom. Hier zeigt sich, dass das veränderte Außenklima mit mehr Feuchtigkeit und höheren Temperaturen auch Auswirkungen auf das Binnenklima im Kirchenraum hat. Im Rahmen einer Bachelorarbeit an der FH Aachen fand ein Klimamonitoring statt, bei dem Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Feinstaubbelastung kontinuierlich gemessen wurden.
Zu den erstaunlichen Ergebnissen neben punktuell sehr unterschiedlichen Temperaturen zur gleichen Zeit in unterschiedlichen Bereichen des Domes gehörten die Messwerte während der Gottesdienste. Es zeigten sich deutlich erhöhte Feinstaubwerte, die in direktem Zusammenhang mit dem intensiven Weihraucheinsatz während der Messen stehen. In Verbindung mit hoher Luftfeuchtigkeit begünstigt Feinstaub die Schimmelbildung auf historischem Mauerwerk. Aus den Daten soll ein langfristiges Konzept zur Klimasteuerung entstehen.
Digitale Modelle verändern Planung und Vermittlung
Als grundlegend für die zukünftige Arbeit bezeichnete Richarz die Digitalisierung. Hochauflösende 3D-Scans des Doms ermöglichen eine präzise Dokumentation von Bauzustand und Schäden. Besonders aufschlussreich sei der Abgleich dieser Scans mit historischem Planmaterial. Ziel ist es, dass über die Zeit ein intelligentes, digitales 3D-Modell des Doms entsteht, in dem neben den geometrischen Daten auch weitere Informationen aus unterschiedlichen Quellen zu jedem Bauelement einfließen.
Die digitalen Modelle werden künftig sowohl für die Sanierungsplanung als auch für die Vermittlungsarbeit eingesetzt. Passend dazu erscheint in Kürze ein neuer Band der Jahresschriften des Karlsvereins zum Thema „Der Aachener Dom digital“.
Rückblick auf die Großprojekte in 2025
Nicht fehlen durfte der Rückblick auf die erfolgreich abgeschlossenen Sanierungsarbeiten im vergangenen Jahr. An erster Stelle zu nennen ist die Erstellung der neuen Decke für den Heizungskeller des Doms. Die Arbeiten kamen rechtzeitig zum Beginn der Heizungsperiode zum Abschluss.
Die Sanierungskampagne am Dachstuhl der Karlskapelle konnte ebenfalls erfolgreich umgesetzt werden. Mit Anhebung der Dachhaut im Bereich der Traufe wurde die Durchlüftung des Dachstuhls verbessert und der Schimmelbeflug auf den Dachstuhlbalken vollständig entfernt.
Unerfreuliche Überraschungen ergaben sich bei der Sanierung des Chorhallenmauerwerks auf der Nord-Westseite. Es zeigten sich zahlreiche Steinschäden, die auf die Zementverfugung aus früheren Jahrzehnten zurückzuführen sind. Gravierend waren die Schadenbilder bei der Steinsubstanz, die auf die massive Durchfeuchtung des Mauerwerks zurückgeführt werden konnten.
Ausblick auf die Aufgaben der Dombauhütte in 2026
Für das Jahr 2026 kündigte Richarz umfangreiche Arbeiten an, insbesondere an Dach und Regenrinne sowie dem südwestlichen Mauerwerk der Chorhalle. An Anna- und Matthiaskapelle sind mehrere Fialen nicht mehr standsicher und müssen ausgetauscht werden. Das Beleuchtungskonzept im Dominneren wird erweitert werden.
Mit den fortschreitenden Schäden am Bleidach des 16-Ecks und der Zersetzung der mit Flammschutzmitteln getränkten Balken der Domdachstühle begleiten zwei Themen aus den Vorjahren den Dombaumeister auch in diesem Jahr. In beiden Fällen ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten bis eine Lösung zur Behebung der fortschreitenden Schadensbilder gefunden ist.
Die Jahreshauptversammlung zeigte: Der Aachener Dom ist ein Ort gelebter Geschichte – und zugleich ein Raum, der sich neuen gesellschaftlichen, technischen und kulturellen Anforderungen öffnet. Seine Erhaltung ist heute Teil eines internationalen fachlichen Austauschs und ohne digitale Werkzeuge kaum mehr denkbar. Der Karlsverein begleitet diesen Wandel bewusst und versteht ihn als Chance, den Dom auch für künftige Generationen zu erhalten. Er wird die Dombauhütte auch weiterhin bei ihren vielfältigen Aufgaben unterstützen.
