Das Mauerwerk der neoromanischen Giebel im Fokus.
Was als routinemäßiger Kontrollblick begann, entwickelte sich schnell zu einer überraschenden Bestandsaufnahme: Das Mauerwerk der neoromanischen Giebel oberhalb des Oktogons zeigt deutliche Schäden.
Dabei gelten diese Bauteile im Vergleich zum übrigen Dom fast als „jung“. Erst 1872 wurden die Dreiecksgiebel im Zuge einer Restaurierungskampagne – begleitet vom Karlsverein – neu errichtet. Die Konstruktion besteht aus einem zweischaligen Mauerwerk aus Ziegel und Wrexener Sandstein.
Die ursprünglichen romanischen Ziergiebel aus dem 12. und 13. Jahrhundert mit ihrer Zwerggalerie, den reich gestalteten Giebelfeldern mit Nischen, Fenstern und Ziersäulen waren ein bedeutender Rest der romanischen Baugeschichte des Doms.
Im 19. Jahrhundert änderte sich jedoch der Blick auf diese Substanz grundlegend: Nachdem ab 1869 das karolingische Mauerwerk vom Putz freigelegt worden war, stand auch die Freilegung der romanischen Bauteile zur Diskussion. Untersuchungen ergaben damals einen vermeintlich schlechten Zustand – mit weitreichenden Folgen. Statt einer Sicherung entschied man sich für den vollständigen Neubau. 1872 war schließlich der letzte von insgesamt sieben neuen Giebeln fertiggestellt.


Das Außenmauerwerk der Ziergiebel aus dem 19. Jahrhundert (Fotos © Lydia Konnegen)
Doch die vermeintlich „neue“ Substanz erwies sich als anfällig: Schon wenige Jahrzehnte später zeigten sich Probleme mit dem verwendeten Sandstein. Wind und Wetter setzten dem Material in großer Höhe stark zu. Der damalige Münsterbaumeister Joseph Buchkremer berichtet, dass er regelmäßig steinfestigende Mittel einsetzen musste, um die Oberfläche zu stabilisieren. Besonders geschädigte Steine wurden ausgetauscht.
Die Maßnahmen hatten jedoch Nebenwirkungen. Je nach verwendetem Festigungsmittel kam es zu einer wasserabweisenden Wirkung (Hydrophobierung). Was zunächst sinnvoll erschien, führte langfristig zu Spannungen im Mauerwerk – und damit zu Rissen in einzelnen Werksteinen. Auch bei der Restaurierung des Oktogons zwischen 2000 und 2004 wurden ähnliche Schäden festgestellt und durch Austausch sowie erneute Festigung behoben.
Die aktuelle Untersuchung ergab nun ein deutliches Schadensbild: Dank eines Baugerüsts an der Nordwestecke der Chorhalle konnte erstmals auch ein benachbartes Giebelfeld genauer inspiziert werden. Das Ergebnis überrascht: Risse ziehen sich teils über mehrere Steinlagen hinweg – ein Hinweis auf tieferliegende Probleme im Mauergefüge. Hinzu kommt, dass zahlreiche Sandsteine „absanden“, also sichtbar an Substanz verlieren.



Deutliche Schäden wie Absandungen und Risse im Mauerwerk (Fotos © Lydia Konnegen)
Auffällig ist dabei: Besonders betroffen sind ausgerechnet jene Steine, die in der Zeit Buchkremers eingesetzt wurden.
Nach der ersten Analyse ist klar, dass einzelne Steine ersetzt oder durch sogenannte Vernadelungen gesichert werden müssen. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass nicht nur ein Giebelfeld betroffen ist. Weitere Untersuchungen der übrigen Giebel sind daher dringend erforderlich.
Aufgrund der derzeit laufenden Arbeiten an der Chorhalle sowie der neu gestarteten Maßnahme an der Annakapelle müssen diese Untersuchungen jedoch zunächst zurückgestellt werden.
