Stoisch blickt er auf das geschäftige Treiben der Dombauhütte: Ritter Gerhard Chorus scheint die Sanierungsarbeiten an der Aachener Chorhalle genau im Auge zu behalten. Unberührt bleibt jedoch seine eigene Erscheinung – denn seine „Schönheitskur“ liegt erst wenige Jahre zurück und lässt die Figur noch heute frisch erstrahlen.
Die Skulptur an der Nordwest-Seite der Chorhalle zeigt den berühmten Aachener Bürgermeister und Schöffen des 14. Jahrhunderts. Als einzige nicht heiliggesprochene Person unter den Figuren nimmt er eine besondere Stellung ein. Geschaffen wurde die Statue vom Aachener Bildhauer Gottfried Götting; sie ist Teil des Skulpturenprogramms, das der Karlsverein im 19. Jahrhundert finanzierte und das 1873 vollendet wurde.
In den beratenden Gremien jener Zeit stieß die Idee, eine weltliche Persönlichkeit darzustellen, auf Skepsis. Die Bedingung lautete daher: deutliche Abgrenzung von den Heiligen. So trägt Chorus keine Heiligensymbole, sondern die Mode seiner Epoche – einen weiten Mantel mit Pelzbesatz, eine Kappe und die schwere Amtskette mit Adler-Medaillon. Seine Vita ist eindrucksvoll: Viermal Bürgermeister, zugleich Schöffe, Diplomat auf Reichstagen und 1331 von Kaiser Ludwig IV. in den Ritterstand erhoben. 1367 verstarb er; eine Gedenktafel in der Domvorhalle erinnert bis heute an seine letzte Ruhestätte.


Mit Bauplan in der Hand: Ritter Gerhard Chorus an der Nordseite der Chorhalle des Doms (Fotos: © Lydia Konnegen, © Christoph Hartmann)
Doch warum steht Ritter Chorus ausgerechnet an der Chorhalle? Hier spielt ein Missverständnis eine Rolle. Frühneuzeitliche Chronisten schrieben ihm den Bau des Rathauses und des gotischen Doms zu. Diese Zuschreibung prägte die Vorstellung vom „Baumeister Chorus“. Darum hält er in seiner Hand die Attribute eines Architekten: ein Richtscheid (mittlerweile verloren) und einen Grundriss der Marienkirche mit angefügtem Chor. Neuere Forschungen zeigen: Chorus hat die Projekte wohl gefördert, war aber nicht ihr eigentlicher Planer.
2018/19 erhielt die Skulptur eine umfassende Restaurierung. Zunächst wurde sie demontiert, dann bei der Internationalen Handwerksmesse in München und im Rahmen der „Lebendigen Bauhütte“ auf dem Aachener Domhof öffentlich gereinigt – Schicht für Schicht entfernte der Laser die dunklen Gipskrusten. Seit Juni 2019 erstrahlt Ritter Chorus wieder in alter Pracht an seinem angestammten Platz.
Eine charmante Pointe gibt es obendrein: Auch am Aachener Rathaus wacht eine Ritter-Chorus-Figur, hier als Förderer des Rathausbaus verstanden. Beide Statuen sind so aufgestellt, dass sie einander gegenüberstehen. So grüßt Ritter Chorus – gleich zweimal in Aachen verewigt – sich selbst Tag für Tag.
