Die aktuelle Sanierungskampagne an der Annakapelle des Aachener Doms hat ein deutlich größeres Schadensausmaß offenbart als zunächst erwartet. Anlass der Arbeiten waren ursprünglich die sogenannten Fialriesen – reich verzierte, sich nach oben verjüngende Ziertürmchen, die sich oberhalb der Gebäudeecken erheben. Bereits bei ersten Begehungen im Bereich der Dachrinne zeigte sich, dass sämtliche Fialen erhebliche Schäden aufweisen und dringender Handlungsbedarf besteht.
Doch mit jeder Gerüstlage, die weiter in die Höhe führte, wurden neue und gravierendere Schäden sichtbar. Risse im Mauerwerk, verschobene Steine im Mauerverband sowie lose Zierelemente wie Krabben oder empfindliche Figurendetails – etwa Hände – machen deutlich, wie stark die historische Bausubstanz in Teilen bereits geschwächt ist.

Die Fialriesen müssen vollständig ersetzt werden
Besonders problematisch ist der Zustand der Fialaufsätze. Die sechseckig gestalteten Fialen der Annakapelle sind eine architektonische Besonderheit, da Fialen üblicherweise einen viereckigen Querschnitt besitzen. Die ungewöhnliche Form nimmt Bezug auf den sechseckigen Grundriss der Kapelle selbst. Alle Fialriesen zeigen jedoch senkrechte Risse, die so weit fortgeschritten sind, dass die Gefahr besteht, dass einzelne Elemente auseinanderbrechen und herabstürzen könnten. Eine Restaurierung ist deshalb nicht mehr möglich – die Fialen müssen vollständig ersetzt werden.
Zu diesem Zweck werden die beschädigten Werkstücke demontiert und in der jungen Dombauhütte neu gefertigt. Im Sommer dieses Jahres lädt die Aachener Dombauhütte junge Steinmetzinnen und Steinmetze ein, sich vor Ort in den traditionellen Techniken historischer Steinbearbeitung schulen zu lassen. Das Projekt verbindet Nachwuchsförderung mit praktischer Denkmalpflege und ermöglicht zugleich die denkmalgerechte Herstellung neuer Werkstücke für die Annakapelle.


Schäden an den Fialriesen der Annakapelle (Fotos: ©Christoph Hartmann)
Sorge um wichtige Bauzierelemente
Auch an der Hauptfigur der Kapelle, der Darstellung „Anna Selbdritt“ mit Anna, Maria und dem Jesuskind, zeigen sich erhebliche Schäden. Die Skulptur stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde vom Aachener Bildhauer Gottfried Götting geschaffen. Große Sorgen bereitet insbesondere der Baldachin über der Figur. Risse, starke Salzschäden und Abplatzungen prägen das Bild.
Der Baldachin aus Udelfanger Sandstein entstand während einer Restaurierungskampagne in den 1860er-Jahren und weist heute massive Abschalungen auf. Ursache hierfür sind Salze, die aus dem Mörtel, dem Stein selbst oder auch aus eindringendem Regenwasser stammen können. Zusätzlich führen Luftschadstoffe wie Schwefeldioxid zu einer Schwärzung und chemischen Veränderung des Steins. Das Material verliert zunehmend seine Festigkeit; eine konservierende Festigung ist inzwischen kaum noch möglich. Nach aktuellem Stand wird der Baldachin daher voraussichtlich ersetzt werden müssen.


Figur der Anna Selbdritt und Detailaufnahme des Baldachins (Fotos: ©Dombauhütte Aachen)
Wandernde Steine und statische Fragen
Weitere Schäden betreffen den Pfeilerbereich der Kapelle. Dort sind Steine – darunter auch Werkstücke früherer Restaurierungskampagnen – sichtbar in Bewegung geraten; sie haben sich verschoben. Dieses Phänomen tritt in unterschiedlichen Höhenbereichen auf und deutet möglicherweise auf ein grundlegenderes statisches Problem hin. Die genaue Ursache wird derzeit ermittelt.
Hinzu kommt, dass der Fugmörtel vieler Bereiche stark verwittert, weich, bröselig und teilweise bereits von Pflanzenbewuchs durchzogen ist.

Schäden am Fenstermaßwerk und an den Zierfialen
Schäden zeigen sich zudem am Fenstermaßwerk. Dort wurde ein Scher-Riss festgestellt. Er wurde sehr wahrscheinlich durch einen Maueranker verursacht, der aus der Wandfläche austritt und Spannungen im Stein erzeugt.
An einer Zierfiale oberhalb der Skulpturen musste bereits gehandelt werden: Der innenliegende Metallstift, mit dem der Fialschaft befestigt war, hatte sich verbogen. Dadurch geriet die gesamte Fiale in Schieflage. Zusätzlich war die Kreuzblume, das obere Zierelement der Fiale, bereits abgebrochen. Die Fiale wurde daher vorsorglich demontiert und wird nun restauratorisch bearbeitet.


Demontierte Zierfiale, deren Kreuzblume abgebrochen ist (Fotos:©Christoph Hartmann)
Aufwendige Arbeiten nur dank großer Unterstützung möglich
Die Vielzahl und Schwere der Schäden übersteigen die ursprünglich geplante Erneuerung der Fialen im Traufbereich der Kapelle bei weitem. Gerade bei reich gegliederten und kunstvoll gearbeiteten Werkstücken wie Baldachinen oder Fialen ist der Aufwand enorm: Häufig müssen zunächst sämtliche darüber liegenden Steine abgenommen werden, bevor einzelne Elemente ersetzt werden können.
