Aktuelles29.05.2019

„Lebende Steine“ – Professor Max Kerner entschlüsselt die Geheimnisse der Inschrift Karls des Großen

Manchmal muss ein Vorstand über die Referentenauswahl nicht lange nachdenken. Besonders, wenn auf fast schon telepathische Weise verschiedene Mitglieder gleichzeitig einen Namen nennen: Professor Maximilian Kerner. Wer könnte den Mitgliedern des Karlsvereins im Rahmen der jährlichen „Literarischen Domführung“ die umlaufende Inschrift im Oktogon des Domes besser näherbringen, als der emeritierte RWTH- Geschichtsprofessor, Karlsbiograph, Dekan und Prorektor, der alle Zuschauer stets zusätzlich zur Fachkompetenz mit einer erstaunlichen Tatsache fasziniert: Er trägt anders vor, als die Titel befürchten lassen. Zur Kompetenz gesellt sich eine humorvoll- unterhaltsame Vortragskunst, die ihm auch unter Nicht – Experten eine überregionale Anhängerschaft weit über die Stadt Aachen hinaus beschert hat. Befürchtungen, er trete nach der Pensionierung vor mittlerweile einem Jahrzehnt eventuell kürzer hatten sich glücklicherweise zerschlagen.
Umso erfreuter war Karlsvereins – Schriftführer Werner Schlösser, Professor Kerner im Oktogon des Doms begrüssen zu können und im Dialog mit ihm eine Inschrift zu entschlüsseln, die in Aachen jeder kennt, aber selbst als Lateinschüler nie jemand erschliessen wollte, oder vielmehr oft nicht konnte: Jene Buchstaben, die seit der Zeit Karls des Großen das Achteck umlaufend zieren. Heraus kommt keine nüchterne Lateinstunde. Kerner weiß – wiederum gewohnt kurzweilig – zu berichten, dass die Worte vermutlich ursprünglich auf Stein angebracht waren und die Mosaikifizierung erst 1900 im Rahmen der damals vom Karlsverein mitfinanzierten Innenrestaurierung zwischen 1880 und 1913 erfolgte – seinerzeit wollte man die zwischenzeitlich nach dem Stadtbrand 1656 barockisierte Kirche Karls wieder in den byzantinischen Zustand zurückversetzen. Dabei lag man bei den Mosaiken richtig – außer bei der Inschrift: Mit roter Farbe sei sie ursprünglich auf Stein angebracht gewesen, erläutert Kerner.
Das erklärt auch ein böses Omen: Erschreckt hatte man 814 registriert, dass die Buchstaben, die Karl als Herrscher und “Princeps“ titulieren kurz vor seinem Tode wie von Geisterhand verschwanden. Den Kaiser scherten die abergläubischen Sorgen der Palatine wenig, doch wenige Wochen später verstarb er. Die Geschichte des Biographen Einhard überrascht nicht zwingend, schon Römische Kaiser liessen Autoren der Antike nicht in Banalität ohne jedes Vorzeichen sterben.
Jener Einhard erwähnt erstmals die Inschrift, die vermeintlich aus der Feder des wichtigsten Gelehrten und späteren Leiters der Palastschule Karls, Alkuin stammen könnte, aber auch ein spätantiker Gelehrter, Prosper Augustinus, könnte den Text bereits inspiriert haben.
Kerner trägt die acht Verse – einer pro Abschnitt des Oktogons – in korrekter Versmas- Betonung vor, die im Deutschen natürlich – hier frei zusammengefasst – wesentlich unschöner klingt:
Von den lebenden Steinen, also der Gemeinde der Gläubigen ist in metaphorischer Vollendung die Rede, die sich, einer Fugung gleich, verbinden und im Maße formvollendet, das Werk des Bauherrn preise. Fast wie ein Gebet bittet der Texter, Gott wolle den Tempel, den Priceps Karl gegründet habe, auf festem Fundament bewahren.
Beeindruckt folgt das Auditorium im bis auf den letzten Platz gefüllten Oktogon auch dem Schluss, in dem Maximilian Kerner auf Frage von Moderator Werner Schlösser auch noch Einblicke gibt, wie diese durch Inschrift und Bauwerk implizierte Spiritualität ihn persönlich prägt. „Ehrfurcht“ schien ihm ein prägnant – passender Begriff der Beschreibung zu sein. Sei es historisch, als meditativer Ort, oder – hier zitiert er den Kollegen und Mittelalter- Historiker Professor Fuhrmann „Geburtsort des Christlichen Abendlandes“. Die Ehrfurcht wird durch beides geweckt- „Fides“(Glaube) und „Ratio“. Zwischen diesen Polen ordnet Kerner seine persönlichen Gefühle als aufgeklärter Katholik bei Dombesuchen ein und jeder konnte es ihm nachempfinden und seinen persönlichen Standort ermitteln.
Die Zuneigung zu unserem Dom war bei den anwesenden Mitgliedern des Karsvereins natürlich gewiss, besteht der Vereinszweck doch in der Sammlung von Spenden für die Kirche Karls. Namens des Vorstands bat Werner Schlösser daher abschliessend im Blick auf die gesteigerten Kosten für die Dacherneuerung der Taufkapelle um weitere grosszügige Spenden und bat, weitere Mitglieder zu werben. Am Einfachsten sei es doch, wenn die stets gerngesehenen Ehepartner, die beim attraktiven Programm stets dazu stossen, einfach kurz und unkompliziert selber ebenfalls Mitglieder würden. Dann sei das Ziel, die magische Schallmauer vom 3000 Mitgliedern zu überschreiten, sofort durchbrochen.